Das Mädchen lag auf dem Bauch, nass, die rechte Wange am Boden abgelegt. Die halblangen aschblonden Haare hingen ihr in algenähnlich verschlungenen Strähnen über das Gesicht. Wenn sie blinzelte, konnte sie durch den Haarvorhang das glitzernde Wasser des Freibadbeckens für die geübten Schwimmer sehen, die Steinplatten des Beckenrandes bildeten die unteres Linie ihres Blickfeldes.
Das Mädchen lauschte, auf das gluckernde Geräusch des Wassers, das in eine Ablaufrinne schwappte – immer wenn ein wagemutiges Kind oder ein selbstbewusster Erwachsener in der ausgewählten Sprungform den Absprung vom 1 oder 3-Meter-Brett ausführte.
Es hörte auf die Schritte, die von Vorbeigehenden durch den sonnenwarmen Boden bis zu ihr übertragen wurden. Ließen sich nicht Lebensfreude, Alter und sogar Charakterzüge aus diesen Tönen herauslesen? Es meinte, den energischen, ruhigen und gleichmäßigen Schritt des Bademeisters wahrzunehmen, unterstützt wurde das Identifizieren durch das Schlappen der Badelatschen, die er trug. Immer. Wie Teil einer Uniform, die zusätzlich aus einem weißen kurzärmeligen T-Shirt und einer königsblauen kurzen Sporthose bestand. Ein Schritt sagte: Autorität, der nächste aufgesetzte Fuß ergänzte: Menschlichkeit. So stellte sich das gesunde Gleichmaß automatisch im Gang her.
Nun horchte das Mädchen weiter, in größere Entfernung. Da war Lachen und Quietschen im Kinderplanschbecken, erhitztes Rufen der in Gruppen jagenden Vorpubertierenden und das verschämte Flüstern der Nachpubertierenden hinter der Hecke, die den Rasenliegeplatz vom Schwimmbeckenbereich trennte.
Das Mädchen lag auf Steinplatten, die 40×40 cm maßen, der noch kindliche Körper beanspruchte von Kopf bis Fuß drei dieser Platten. Es träumte vor sich hin und war zuhause in dieser Welt aus Tönen, Licht, Empfindungen und Materialien, belebt durch Menschen verschiedensten Alters.
Und heute – mehr als 50 Jahre später? Die sich erinnernde Frau übersetzte das erinnerte Maß von drei Steinplatten in 120 cm, was einem Lebensalter von circa 8 Jahren entspricht. Sie nahm noch genausoviel wahr wie früher, ihr Maß hatte sich auf 4 1/4 Steinplatten in der Länge erhöht und war seit Jahren unverändert – die Breite war erfreulicherweise nicht über 40 cm hinausgegangen.
Sie wollte weiter wachsen und suchte nach einer neuen Maßeinheit. Ihr kam der Begriff Lumen in den Sinn, das Wort, das angibt, wie viel Licht eine Quelle pro Zeitspanne abgibt.
Dies schien die Richtung zu weisen, in welcher Form sie sich weiterentwickeln konnte.
CHi – 21.01.2025
















