Wenn ich schon gefragt werde …

will ich auch Rede und Antwort stehen. Es ist schon einige Wochen her, ich übte eine Meditation zur Verlängerung des Ausatems mit Konzentration auf zwei Stellen im Körper, da tauchte gegen Ende der Übung eine Frage in meinen Gedanke auf. Zunächst wurde sie folgendermaßen formuliert:

„Wenn du die Erde verlässt, was nimmst du als Erinnerungen mit?“
Dann wurde die Frage nochmals in leicht abgeänderter Form gestellt:

„Stell dir vor, du sollst jemandem, der die Erde nicht kennt, erzählen, was man dort findet?“
Hier ist meine Antwort:

Ich erinnere mich an das Folgende.
Die Farbe eines sich verändernden und viel zu schnell vergehenden brennenden Abendrots und eines zarten, erblühenden Morgenrots.
Die nach meinem Arm tastende, aufgeregte, Schutz suchende, schwitzende kleine Kinderhand.
Das Spiegelbild der Wolken in einem Miniatursee, der sich zwischen den verbundenen Wurzeln eines Baumes gebildet hat.
Den Klang einer Glocke oder eines Rufes, um zu einer Versammlung Gleichgesinnter aufzufordern.
Den perfekten Bogen eines Katzenauges, dessen smaragdgrüner Blick gelassen in die Unendlichkeit gerichtet zu sein scheint.
Das goldene Flirren von Staub im Lichtstrahl, der durch eine Luke Zugang zu einem stillgelegten Dachboden findet.
Den unvergleichbaren Geschmack einer einfachen Mahlzeit, die nach einem Tag an der Luft und im Wasser zu sich genommen wird.
Das Rauschen und Wispern von Blättern hochgewachsener, sich im Sommerwind biegender Bäume.
Der würzige und sättigende Geruch des Waldbodens, der unter meinem Schritt leicht nachgibt.
Meinen Arm, den ich einem um Hilfe fragenden Menschen zum Unterhaken anbiete, um ihn ein Stück weit zu führen.
Das Summen der Bienen, während sie ihren Stock umtanzen, umfliegen und schließlich durchs Flugloch eintreten.
Den verdoppelten Atem, der mich nachts begleitet.

Unsere Welt birgt soviel Schönheit, nun stelle ich meine Frage:
Nehmen wir sie wahr, und sind wir dieser Erde würdig?