Der Weg

Der dunkle See

Das kleine Mädchen sitzt auf einer Baumwurzel. Die starke, bemooste Wurzel gehört zu einer mächtigen Trauerbuche mit herabhängenden Ästen, unter denen sich das Mädchen lange versteckt gehalten hatte. Nun aber macht es sich auf den Weg, es hat leicht wellige, hellblonde, halblange Haare, strahlend blaue, lichtvolle Augen, trägt ein weißes Kleidchen und derbe Wanderschuhe, die fast ein wenig zu groß erscheinen.  Auch ein Bündel mit Habseligkeiten führt es mit sich.

Auf seinem Weg kommt das Mädchen an einem von einer Linde überschatteten Brunnen vorbei, in diesen kann man tief hineinblicken und erahnt ganz unten am Grund, in der Dunkelheit versteckt, das lebensspendende Wasser. Das Mädchen ist älter geworden, nach einer kurzen Rast am Brunnen möchte es weiterziehen und nicht die anderen Frauen, die den Brunnen aufsuchen, in die Sicherheit einer nahe gelegenen Siedlung begleiten.

Der Weg führt weiter und die nun zur jungen Frau Herangewachsene gelangt an einen Apfelbaum. Bei genauerem Hinsehen trägt er erstaunlicherweise aber auch Birnen. Die schlanke Frau legt ihre Kleidung ab und steht, hell und anmutig, eine Weile am Stamm des Baumes. Dann geht sie weiter geradeaus und erreicht einen hinter einem Espenhain liegenden dunklen See. Sie schaut über das Wasser zum gegenüberliegenden Ufer und kann dort eine ältere, weisere, weißhaarige, mit leuchtend hellblauem Pullover und dunklem Rock bekleidete Version von sich selbst erahnen – diese scheint sie schon zu erwarten.

Voller Vertrauen, ohne zu zögern, geht die Frau langsam die Uferböschung hinab und steigt in den dunklen See, dessen Wasser sie mit sanfter Kühle, Zuversicht und Liebe umarmt.

Sie schwimmt.

CHi – Juli 09.07.2021


Nachtschwimmen

Es ist dunkel geworden, der See und der Nachthimmel vereinen sich zu einer ungetrennten Masse und lassen den Horizont verschwinden. Die Frau im Wasser schwimmt ruhig, mit geraden, zentrierten Zügen. Am Nachthimmel sind Sterne aufgetaucht, eine besondere Bedeutung scheint der Abendstern – nennt man ihn nicht auch Venus? – zu haben.

Sie hätte nicht gedacht, dass sie in Begleitung schwimmen würde,  aber mit Auftauchen des Abendsterns hat sich eine Mitschwimmerin zu ihr gesellt. Eine Strecke werden sie zusammen zurücklegen, schweigend, im Einklang und sich von ihren Verletzungen erholend. Der dunkle See, den sie durchqueren, scheint eine heilende Wirkung zu besitzen, oder sind es die Frauen selbst, die ihre ureigenen Heilkräfte mit dem Wasser des Sees verbinden?

Es gibt kein Zeitgefühl, keine Angst vor der Dunkelheit tief unten am Grund, denn dort liegen Schätze, die gehoben werden wollen. Die leichte Brise, die über den See streicht, raunt von Weiblichkeit, Hingabe, Vertrauen, Kraft und Stärke. So schwimmen sie weiter, unter der Führung des Abendsterns und des gesamten Firmamentes, das über ihnen beständig, unendlich und still funkelt. Kühl, weit entfernt und doch so nah in Verbindung mit dem Sternenstaub in den Herzen der Schwimmenden.

CHi – 11.07.2021


Die Mondinsel

Die Schwimmerin wird langsamer. Es liegt nicht an schwindender Kraft, aber sie weiß, daß eine Pause ansteht. Ihre Begleiterin ist schon vor einiger Zeit nach Osten abgebogen, um weiter dem Abendstern zu folgen. Die Frau im Wasser ist gerne wieder allein unterwegs, sie richtet ihre Augen auf das Ufer, das sie erreichen möchte – es ist in der Dunkelheit der Nacht kaum zu erkennen. 

Der Mond ist aufgegangen, es ist ein Dreiviertelmond, der sich hinter durchscheinenden, vorbeiziehenden Schäfchenwolken versteckt. In seinem sanften Schein sieht die Frau nicht weit entfernt eine Insel, dieses ist der Ort für eine Rast.

Während sie schwamm hat die Frau unzählige, unhaltbare Tränen geweint. Die Hälfte ist in den See herabgesunken, um am Grund als blinkende, goldene Steinchen ihren Platz zu finden, damit andere Schwimmerinnen nach ihnen tauchen können, um Trost und Mitgefühl zu finden. Die andere Hälfte ist in den Nachthimmel aufgestiegen, um dort als silberne Sternensplitter Menschen, die danach Ausschau halten, Freude und Hoffnung zu geben.

Die Frau fühlt eine große Zufriedenheit ob ihrer gerne und aus freien Stücken an Wasser und Luft abgegebenen Tränen. Mit wenigen Zügen erreicht die Schwimmerin die Insel, steigt mühelos aus dem See und legt sich auf den weichen, kühlen Sand. Sie hebt aus einem Impuls die Arme, um den Mond zu umarmen und sieht verwundert, dass das Mondlicht durch ihre Fingernägel scheint und zehn winzige, perlmuttfarben schimmernde Halbmonde hervorzaubert. Ein staunendes, überraschtes Lachen perlt von den Lippen der Frau und sie erkennt: diese wunderbaren Hände, dieser ganze weiche Körper, so wie er ist, gehört ihr.

CHi – 13.07.2021


Der Schrein

Lange, lange hat die Frau am Strand gelegen. Sie hat ihren Körper der Sonne dargeboten und es schien, als ob alle Knochen in ihrem Inneren auf seltsame Weise neu ausgerichtet, sortiert und gekräftigt worden wären. Sie weiß, daß noch eine anstrengende Wegstrecke auf der Insel vor ihr liegt.

Unter einem Baum am Strand, es ist eine große, schattenspendende Stieleiche, findet sie alles, was für den nächsten Abschnitt ihrer Reise vonnöten ist: einen kleiner Rucksack sowie Kleidung für eine Wanderung zu dem Berg, der sich von Nebel verschleiert am Horizont abzeichnet. Es muss ein Wald durchquert werden, um den Berg zu erreichen. In dem Rucksack finden sich wichtige Gegenstände, die endlich ihren Bestimmungsort erreichen wollen: ein Knopf, dargeboten vom nie gekannten Großvater. Eine Scherbe mit dem Henkel einer Teetasse, benutzt von der Großmutter. Ein Messer, gegeben vom Vater. Ein Ring aus Glasperlen in Regenbogenfarben, geschenkt von der Mutter. Ein kleines Spielzeugpferd – daumennagelgroß, als Erinnerung an die Schwester. Die Großmutter hat der Frau, der Schwimmerin, der Enkelin, noch mehrere Geschenke überlassen – einen Strohhut gegen die Hitze, ein Barometer, um das Wetter zu lesen und einen Apfel als Wegzehrung.

Bestärkt im Glauben, mit diesen Gaben alle Hindernisse des Weges zu meistern, führen die nächsten Schritte der Frau in die beruhigende, angenehme Kühle des Mischwaldes, der sich zum Berg hin ausbreitet. Die Frau bewegt viele Gedanken und Gefühle im Inneren, es ist als schöben sich ganze Planeten in ihrem Körper an neue Positionen, um ein völlig neues Universum zusammenzufügen.

Mit der hereinbrechenden Dämmerung wird der Wanderin klar, daß sie den Gipfel an diesem Tag nicht mehr erreichen wird, aber linker Hand sieht sie auf einem Plateau einen Schrein, der ihr entgegenleuchtet. Aus verschiedenfarbigen Fenstern fällt mildes Licht: zartrosa gen Osten, indigoblau gen Westen, jadegrün gen Norden und nach oben scheint ein mattgoldener Strahl. 

Sie nähert sich von Süden und durchschreitet ein dreigeteiltes, hohes, ochsenblutfarbenes, hölzernes Tor durch dessen Mitte. Wenige Schritte weiter betritt sie über drei Stufen vorsichtig den Schrein und ist fasziniert von der dort herrschenden, heilig anmutenden Stimmung. Im Zentrum des Schreins befindet sich ein nachtdunkler Granitsockel, auf dem ein rotes Samtkissen ruht.

Die Frau erbittet sich das Kissen und legt sich vor dem Altar auf einer Bambusmatte nieder um zu schlafen – am nächsten Morgen wird sie eine Zeremonie durchführen.

CHi – 29.07.2021


Die Zeremonie

Sie hatte länger geschlafen, als sie gedacht hatte, waren es sogar eine Nacht und ein ganzer Tag gewesen? Ein wenig benommen setzte sie sich auf und erkannte, wo sie sich befand: im Schrein am Berghang.

Die Frau wusste genau, was zu tun war. Sie nahm ihren Rucksack und ging zur linken, westlichen Seite des Schreins, dort war ein Gefache aus Holz. Sie entledigte sich ihrer Kleidung, verstaute sie in einem der Fächer und entnahm dann aus dem danebenliegenden ein rotes, halblanges, weiches Gewand mit Goldbesatz an Ausschnitt und Ärmeln. Auch eine lange, graue, wollene, enganliegende Hose lag für sie bereit. 

Die Frau zog die Kleidungsstücke an und erblickte auf einer schmalen Holzbank ein goldenes, ungefähr zwei Hände großes, fein gearbeitetes Tablett – darauf legte sie die Gegenstände, die sie im Rucksack mit sich geführt hatte: das Taschenmesser, um sich von Verbindungen zu lösen; den Ring als Zeichen der Verbundenheit und Göttlichkeit, ohne Anfang, ohne Ende; die Scherbe der Tasse für die Besinnung auf ihre Fertigkeiten und als Zeichen für die Unendlichkeit allen Seins; den Knopf für die spirituelle Verbindung. Zuletzt legte sie das kleine Spielzeugpferd dazu, für Erdverbundenheit und gleichzeitige Leichtigkeit.

Mit dem Tablett ging die Frau zurück zum Altar in der Mitte des Schreins, das Samtkissen hatte sie direkt nach dem Aufstehen vorsichtig zurückgelegt. Andächtig und liebevoll legte sie die Gegenstände auf dem Samtkissen aus. Messer, Ring, Tasse, Knopf in einer Reihe und darunter das kleine, erdfarbene Pferd, das sich kaum vom Kissen abhob. Sie kniete nieder und legte ihre Handflächen auf Herzhöhe aneinander. Sie nahm im Geist Kontakt zu ihren Ahnen und der geistigen Welt auf und bat um eine glückliche Führung für ihren weiteren Lebensweg.  Alle Schuld und Trauer soll vergangen sein, alle Bande, die belastend, fordernd oder nicht zuträglich sind seien von nun an mit dem Messer durchtrennt, dafür habe sie es erhalten. Sie dankte für ihre Gaben und die Sicherheit, die ihr gegeben wurde. 

Mit geschlossenen Augen fühlt sie in ihr Inneres und spürt, daß nun eine Zeit in ihrem Leben anbricht, in der sie, völlig frei und ohne auf Meinungen anderer zu hören oder sich selbst zu beschränken, ihr Leben gestalten darf und soll.

Die Frau faltet ihre Hände in Gebetshaltung vor der Brust und senkt den Kopf. Als sie nach einer Zeit der Stille und des Innehaltens wieder hochblickt, hat sich über den Gegenständen ein diamantenes Herz geformt, das über dem Kissen schwebt und in alle Richtungen strahlt. Dieses Herz gehört nun zu ihr. Ergriffen und lächelnd empfängt sie dieses Herz, nimmt es an sich und legt es kurz auf ihre Brust, dann lässt sie es in einen kleinen Stoffbeutel, den sie in der Seitentasche des Gewandes gefunen hatte, gleiten.

Erschöpft aber zufrieden kann sie sich nun für den nächsten Abschnitt ihres Weges, den Aufstieg zum Gipfel des Berges, rüsten.

CHi – 02.08.2021


Auf dem Berggipfel

In der Morgendämmerung steht die Frau vor dem Altar und nimmt vorsich­­tig die Gegenstände vom Kissen, um sie in ein hölzernes, truhenähnliches Kästchen zu legen. Sie hatte es in einem der Fächer an der linken Seite des Schreins entdeckt und sofort gewusst, daß es zu Aufbewahrung der ihr so wichtigen, fast heiligen Objekte gedacht war.

Das Kästchen war aus Kirschbaumholz gefertigt, ungefähr einen Fuß lang, zwei Handbreiten tief und eine Handbreit hoch. Es stand auf nach außen gebogenen Füßchen und der Korpus wies an den Seiten eine bauchige Form auf. Den Deckel, der mit rautenförmigen Intarsien versehen war, konnte man mittels eines kleinen, zylindrischen Griffes öffnen. Innen war die kleine Truhe mit rotem Samt ausgeschlagen. Derart geschützt waren ihre Reliquien gut aufgehoben, dessen war sie sicher. Sie stellte das Kästchen in eines der Gefache, das hinter dem Altar angebracht war. Das rote Gewand tauschte sie gegen ein grünes enganliegendes Oberteil mit Kapuze, welches gut für eine Wanderung geeignet war und das sie ebenfalls im Gefache linkerhand gefunden hatte.

So nahm sie ihren Rucksack, in dem sich noch der Sonnenhut, das Barometer und der Apfel befanden und verließ in Richtung Osten den Schrein.

Als sie in die freie Natur trat, sah sie den Morgenstern am Firmament. Nie war ihr bewusst gewesen, daß die Venus, der Nachbarplanet der Erde, sowohl als Abend- und auch als Morgenstern in Erscheinung tritt. Sie fühlte sich gut behütet und machte sich voller Zuversicht und neugierig darauf, welches Wissen sie noch erlangen würde, auf den Weg zur Bergspitze.

Nachdem sie sonnige und schattige Abschnitte des manchmal anstrengenden Weges gemeistert hatte, fand sie sich auf dem Gipfel wieder, der durch einen mächtigen Bergahorn gekrönt wurde. Mit Blickrichtung gen Osten stand eine schlichte Holzbank am Stamm des Baumes. Die Frau legte ihren Rucksack und den Sonnenhut, den sie die letzte Strecke des Weges getragen hatte, auf der Bank ab und setzte sich. Während sie saß und schaute, sank eine Samenkapsel auf ihren rechten Oberschenkel. Die Frau nahm den Samen in die Hand – er sah aus wie kleine Engelsflügel. Dies zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht, sie hob den Blick und schaute auf die Landschaft, die sich ihr darbot: eine hügelige, maigrüne mit kleinen Wäldchen durchsetzte endlose Weite, von der Insel, auf der sie sich befand, nur getrennt durch ein schmales Band silbrig-blauen Wassers. Die Frau ging in Gedanken zurück zu den Stationen ihrer bisherigen Reise: Sie war das Kind im Wald, das Mädchen am Brunnen, die Heranwachsende am Baum, die Frau am See gewesen. Sie war Schwimmerin, Pilgerin, Wanderin – was wird sie zukünftig sein? 

Sie hebt ihr Gesicht zur Sonne und lässt mit geschlossenen Augen das goldene Licht ihren ganzen Körper durchfluten. Als sie die Augen wieder öffnet, sieht sie erneut die ältere, weisere Version ihrer selbst am Ufer der grünen Landschaft stehen. Die weißhaarige Frau winkt ihr einladend und lächelnd zu: 

Sie scheint genau zu wissen, wer sie sein wird.

CHi – 08.08.2021


Die Moosbank

Lange, lange hatte die Frau unbewegt auf der Bank gesessen. Nun fühlte es sich an, als wenn es dringend notwendig wäre, wieder in Bewegung zu kommen, um einer Erstarrung vorzubeugen. Die Zeit war wie in langer Schlaf gewesen und hatte sich über den Herbst und Winter gezogen. Verwundert stellte die Frau fest, dass die Bank neben ihrer Sitzfläche mit Moos überzogen war. Es war schwierig, sich in der Zeit zu orientieren, es fühlte sich wie kurz vorm Frühjahrsbeginn an.

Erinnerungen und Eindrücke stiegen in ihr hoch, obwohl sie nur gesessen hatte. Da waren zum einen weitere Besuche bei ihren Ahnen, die sie vor sich sah und auch deren Namen waren ihr zu Bewusstsein gekommen: Schlüter, Schäfer, Sander und natürlich Hildebrand. Es waren zumeist sorgende, sammelnde und schützende Bedeutungen, die mitschwangen, das Hildebrand stand kraftvoll für Einsatz – mit flammendem Feuerschwert.

Als die Frau weiter nachspürte, fühlte es sich auch an, als ob eine Art Teppich gewebt worden wäre, in den Samenkörner verschiedenster Art eingearbeitet worden waren. Einiges konnte schon geerntet werden und nach weiterem Heranwachsen würde sie auf diese Weise nach und nach ihren Werkzeugkasten erweitern können. Auch eine bildhafte Erinnerung an ein Wappen, Pinsel und Schreibfeder zeigend, blitzte auf.

Zeitweise war es auf der Moosbank ungemütlich geworden, sie hatte sich in eine Nebelbank verwandelt, die Umgebung war nicht mehr deutlich zu erkennen gewesen. Dieses hatte die Frau in ihrem Dämmerzustand wahrgenommen und war froh, dass die Venus, nach einer Phase als Abendstern, erneut als Morgenstern am Firmament aufgetaucht war und ihr nun ein Aufbruchssignal gegeben hatte. Die Frau hatte eine starke Verbindung zu diesem Planeten aufgebaut oder diese schon immer besessen.

Auch ein neues Zeitverständnis war ihr nun gegenwärtig – sie schwang deutlich mit den Mondphasen und wusste zu jeder Zeit, welche Erscheinungsform er hatte, gerade war es wieder ein Dreiviertelmond. Die Zeit auf der Bank war eine wichtige Ruhepause gewesen, das spürte sie genau: so wie im Winter alle Kräfte gespart wurden, um im Frühjahr neu zu erwachen. Sie hatte gedacht, daß sie nochmals den Abhang hinabsteigen sollte, um im Fluss nach etwas zu tauchen oder auf dem Weg hinab ihre Werte neu zu bestimmen, aber sie hatte bereits eine Münze mit der Aufschrift „Vertrau ins Leben“ von einem ihrer Ahnen erhalten, dies ermunterte sie zu einer neuen Wegbestimmumg. Erstaunt stellte sie fest, daß es nicht wie vermutet in Richtung Osten weiterging, sondern daß ihr Weg erst nach Norden führen sollte. Es galt eine Brücke zu überqueren. Als Geschenk hatte sie dieses Mal auf ihrem rechten Oberschenkel ein verwittertes halbes Laubherz gefunden, es war die rechte Hälfte und schien von einer Linde zu stammen. War es ihre Aufgabe, die fehlende Hälfte zu finden und das Herz zusammenzufügen, auf das es in frischem Grün erstrahlen und heilen könnte? Es war Zeit, aufzustehen. 

CHi – 13.03.2022


Die Brücke

Die Frau blickte sich um: sie stand wieder (oder immer noch?) auf dem Berggipfel, vor der Moosbank. Ihre Reise in den Norden hatte sie angetreten, aber nicht alleine, sondern in Begleitung einer langjährigen, guten Freundin, die ähnlich wie sie selbst auf der Suche war. Ausgestattet mit dicken Wanderschuhen und windfest verpackt waren sie, zunächst im Schutz einer dichten Hainbuchenhecke, später im freien Feld und an der Steilküste entlang, in Sonnenschein und klarer kühler Luft gewandert. Schließlich hatten sie die Brücke in einiger Entfernung vor sich gesehen, schlicht, filigran, dunkelblau. Die Silhouette hob sich klar gegen den stahlblauen Himmel ab und stand als ein unverrückbares Symbol für Verbundenheit.


Die Freundinnen kamen überein, den Rückweg anzutreten, bei lange aus den Augen verlorenen alten Freunden der Frau hatten sie eine liebevolle, gemütliche Unterkunft gefunden. Der Umgang war sehr herzlich und nah, für die Frau nach so langer Zeit aber auch ein wenig verstörend, da auch die Vergangenheit bildhaft auftauchte. Gleich bei der Ankunft war ihr ein Thema gleich zweimal gegeben worden, nun lag es wie ein Stein vor ihr, sie packte den Stein in ihren Rucksack und wusste, dass sie ihn vorzeigen, bearbeiten, streicheln und übergeben würde. Ihr war klar, dass die Reise unter anderem auch deswegen notwendig gewesen war. S Ein weiteres Mitbringsel hatte sich wie zufällig ergeben: Während eines Ausfluges hatte sie ein wichtiges Kleidungsstück erstanden: einen leichten blauen Pullover, er schien zu der Frau, die sie bereits vor einiger Zeit als ältere Version von sich selbst gesehen hatte, zu passen.


Nachdem ihre Freundin nach einigen Tagen Aufenthalt abgereist war, fühlte sich die Frau unruhig und gedrängt, ebenfalls abzureisen – sie sagte den verständnisvollen Freunden Lebewohl, nachdem sie Ihnen dankbar und offen ihre Zuneigung gezeigt hatte. Sie war gewiss, dass dieses Band der Freundschaft auch weiterhin Bestand haben würde.

Nun stand die Frau ein wenig zitterig, fröstelnd und zögernd also wieder vor der Bank. Es schien, als wenn der Weg jetzt doch endlich in Richtung Osten weitergehen würde, über eine andere Art von Brücke, eine Brücke des Vertrauens, die zu einem Portal führte. Vor dem Zugang zur Brücke ragen zwei mächtige Steine, doppelt mannshoch, auf. Zwischen beiden war nur ein schmaler Spalt auszumachen, durch den der Hauch eines hellen, regenbogenfarbenen Lichtes schien.

Die Frau ahnte, daß erst noch galt, ihr Herz zu öffnen und die richtigen Worte zu finden, um den Zugang freizugeben. 

So stand sie in ihrem Schmerz, unverzagt und wartend.

CHi – 18.04.2022


Der Zugang

Es war die Zeit des Neumonds. Aufrecht stand die Frau vor den zwei Felsen und horchte aufmerksam nach innen. Es schien, als sei ihr Schmerz wie ein sich auflösender Mantel oder Umhang nach unten in den Erdboden abgeschmolzen, sie war sich nicht sicher ob es durch Tränen, Regen oder Rituale geschehen war. Sie hatte die Erinnerung, die sie aus dem Norden mitgebracht hatte, von allen Seiten angeschaut und dann einen stellvertretenden, zweifarbigen Stein in einen Brunnen geworfen, Mutter Erde würde die alten Gefühle und Denkmuster aufnehmen und transformieren.

Die Frau selber stand wie ein Fels, aber in ihrem Körper wirbelten die Atome durcheinander wie in einem aus zwei Himmelsrichtungen stürmenden Wind, alles schien sich in ihrem Inneren auf Zellebene neu zu sortieren. Sie hatte auch bemerkt, dass das halbe Lindenblatt durch die fehlende Hälfte ergänzt worden und somit vollständig war. Es lag in seiner herzförmigen Gänze zwischen ihren Brüsten und ihr wurde klar, dass dort ihre Verletzlichkeit beheimatet war. Sie erinnerte sich an die Sage vom Helden Siegfried, der eine ihm unbekannte Schwachstelle zwischen seinen Schulterblättern trug – ihr wurde bewusst dass sie im Gensatz zu dem Helden Kenntnis um ihre Verwundbarkeit im Herzbereich besaß und nun zukünftig für eine gute Umgangsweise damit sorgen konnte. Im Grunde war sie dankbar um diese Verletzlichkeit des Herzens, war es doch dadurch offen.

Bevor sie ihre Reise fortsetzen konnte gab es Folgendes zu tun: die noch in ihrem Rucksack befindlichen Steine legte sie links neben sich auf den Erdboden. Sie hatte die in ihnen gespeicherten Energien wie Wut, Zorn und Scham angeschaut, bewegt, hin und her gewendet und dadurch geglättet und beruhigt, so dass die Liebe wieder zum Vorschein kam. Die Steine konnten nun auf dem Berggipfel bleiben und die Frau war von ihrer Last befreit. 

Als sie sich nach rechts wandte, lag unter einer Silberpappel, auf moosigem Grund zwischen den Wurzeln, eine Kette aus runden Rosenquarzperlen. Diese Halbedelsteine waren die zukünftigen, heilsamen und im Gefühl de Liebe schwingenden Begleiter für ihr weiteres Leben. Während der voranschreitenden Öffnung ihres Herzens hatte sie die Worte empfangen, die notwendig waren, um die zwei Felsen zu bewegen. Sie ging auf die Formation, durch dessen Spalt man immer noch das regenbogenfarbige Licht sehen konnte, zu, legte jeweils eine Hand auf einen Felsen und sagte: ICH BIN.

Von ihren Händen ausgehend bildeten sich grüne Ranken, die sich über die steinige Oberfläche zogen und gleichzeitig wanderten die Felsen auseinander, so dass der Zugang frei wurde. Die Frau sah zwei sich kreuzende Regenbögen, die aus den vier Himmelsrichtungen aufstrebten, auf dem Scheitelpunkt stand ein Portal, das sie an den Schrein erinnerte und auch diesmal führte vom Dach aus ein Lichtstrahl nach oben in den Kosmos, es war ein strahlendes weißes Licht mit manchmal aufblitzenden spektralfarbenen Lichtschleiern.

Als sich die Frau umsah und orientierte, stellte sie fest, dass die Himmelsrichtungen rotiert waren und sie nun im Süden am Fuß des dort beginnenden Regenbogens stand. Sie atmete tief durch – nun galt es, die Farben des Regenbogens in sich aufzunehmen, um die Lebensenergie zu erhöhen, zu bündeln und über die halbe Brücke bis zum Portal voranzuschreiten.

Die Frau berührte das Lindenblatt, faste sich ein Herz und setzte den ersten Schritt. 

CHi – 30.05.2022