Ankunft im Oktober

Ich erahne das Alter, welches ich erreichen werde. Die Aufgabe kam auf mich zu, da ich neuerdings immer öfter verunsichert in meiner Selbstwahrnehmung schwanke, wenn mich jemand fragt, wie alt ich sei: die Antwort kann 14, 48 oder 90 sein. Irgendwo dazwischen befindet sich die von der Alltagswelt bestimmte Angabe, berechnet aus Geburtsjahr plus bisher zurückgelegter Lebensspanne.

So habe ich erneut eine eigene Art der Mathematik zu Rate gezogen und meine Altersangabe aus der Anzahl an Monaten in unserem Gregorianischen Kalender und meiner Verweildauer in Jahren in jedem Monat berechnet.

Ich bin Ende September, im Übergang zu Oktober. Es hat lange gedauert, dies zu erkennen und mich damit abzufinden. Magisch zogen mich in letzter Zeit Menschen an, die ebenfalls Oktober oder auch älter – November, Dezember – sind. Von ihnen erhoffte ich zu erfahren, wie ich mit diesem Ankommen im Herbst des Lebens umgehen kann. Keiner von ihnen tat es mir kund, so war klar, dass jeder seinen eigenen Weg geht und das Durchschreiten der Portale zu den Jahreszeiten des Lebens selber gestaltet.

Froh, endlich die quälenden Ausläufer des Sommers, die letzten Zeitströme des Augusts mit Hitze und sich überrollenden Wellen von Gefühlen hinter mir gelassen zu haben, im September die Stille verinnerlicht zu haben, öffne ich nun weit meine Arme und sage: „Willkommen Oktober, ich freue mich darauf, was du mit dir bringst.“

Wäre es nicht wunderschön, meine Äpfel zu ernten und selber golden zu werden?

CHi – 24.04.2026; inspiriert von Hildegard von Bingen

Ich bin

Ich bin frei, frei,
frei wie der Wind,
der das Blatt bewegt.

Ich bin laut, laut,
laut wie das Gewitter
im Tal.

Ich bin weich, weich,
weich wie die Welle
im Meer.

Ich bin warm, warm,
warm wie das Sandkorn
am Strand.

Ich bin hier, hier,
hier im Moment,
bei mir.

CHi – 28.04.2026

Abb.:
1. Leonard Richards@Pexels
2. Christian Koezle
3. NinJason1@Magnific
4. Collage unter Verwendung eines Motivs von maria-korniiova@unsplash
5. CHi

Lass uns ein Glas Wasser füreinander sein

Ich wache auf, liege unbewegt auf der linken Seite. Mein Blick fällt auf das halbgefüllte Glas Wasser auf dem kleinen Ausklapptisch. Beschienen vom Mondlicht steht es da, das Glas, genauso reglos wie ich.

Der Mond hat mich und das Wasser aufgeweckt, es scheint zu mir zu sprechen:
„Ich bin klar, rein, still. Ich nähre dich. Nimm mich dankbar wahr und stell dir vor, daß es mir ähnlich geht wie deiner Seele. Das Glas ist für mich eine Zeitlang das Gefäß, das mich hält, so wie dein Körper in diesem Leben die Form deiner Seele ist. Glas und Körper vergehen, jeden Moment, jede Minute, jede Sekunde verlieren sie an Substanz.

Wasser und Seele dagegen beleben, sind in andauernder Wandlung und unsterblich.

So nutze die Spanne deines Lebens, um gesammelte Erfahrungen deiner Seele und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu teilen.“

Ich schließe meine Augen, atme aus und bleibe ruhig.

CHi – 22.04.2026

Johannas Wasser

Bestellung bei Birgitt

Wieder einmal waren es ihre Füße, die sie auf den Weg brachten, ein wenig paradox, aber sie hatte gelernt, mit solch auftretenden Widersprüchlichkeiten zu leben und sie in besonderer Weise wahrzunehmen. Auch dass sich die Schmerzen am zweiten Urlaubstag, nach der ersten Wanderung, zeigten, nahm sie zunächst hin.

Eine gute Freundin hatte ihr einen Rat gegeben, welches Medikament die Frau nehmen könnte, um ihre teilweise ausufernden, besonders nachts stark auftretenden Schmerzen im Fuß in die Schranken zu verweisen. Stechen, Brennen, Ziehen, Bohren, starke Hitze – sie hatte mannigfaltige körperliche Erscheinungen, zeitweise in beiden Füßen, wahrgenommen und beobachtet.

Nun stand sie vor einer Apothekerin und verlangte das gewünschte Präparat. Eine auf den ersten Blick unnahbare Person, keinesfalls unfreundlich, aber eine gewisse Kühle ausstrahlend, das Gesicht durch Schminke und Puder modelliert wie das einer Puppe aus dem Österreich des 19. Jahrhunderts, nahm die Apothekerin den Wunsch der Frau entgegen. Um nachzuschauen, ob das Präparat vorrätig war, bewegte sich die Apothekerin mit kleinen, abgezirkelten, automatisch wirkenden Bewegungen in den hinteren Bereich der Räumlichkeiten. Nein, man müsse es bestellen, war die Information.

Es entspann sich ein Beratungsgespräch, in dessen Verlauf die Frau eine unterschwellige Verbundenheit spürte. Da sie versäumt hatte, ihre Freundin nach der genauen Dosierung zu fragen, sollte die Bestellung der passenden Darreichungsform telefonisch erfolgen – es gab einen unprätentiösen Zettel mit Stempel der Apotheke und einer handgeschriebenen Telefonnummer.

Am Tag darauf stand die Frau wieder vor dem Thresen, die Apothekerin erinnerte sich und fragte: „Ach, es war der Fuß, nicht wahr?“

Die Frau legte kurz und knapp ihre Hilflosigkeit ob des Schmerzes dar, da sie nicht wusste, wie ihm beizukommen war und daß deswegen ein Termin bei einem hiesigen klassischen Orthopäden anstand.

Die Apothekerin bekam einen anderen Blick, ihr ganzer Ausdruck änderte sich und sie gab preis, seit einer Fussoperation vor zwei Jahren immer noch mit Schmerzen zu leben, was das Ganze in Mitleidenschaft zöge. Mehr brauchte sie nicht zu sagen, die Frau verstand augenblicklich, was „das Ganze“ bedeutete.

So standen sich beide im gegenseitigen Verständnis gegenüber, die Frau wünschte der Apothekerin zum Abschied alles Gute und da war es: ein Lächeln, welches ihre eigentliche Wesensart offenbarte.

Die Frau verließ im Gewahrsein über das verbindende Netz, welches kurz spürbar und leuchtend gewesen war, die Apotheke.

CHi – 10.06.2022

Netzfund

Auf der Fensterbank

Da sitzt etwas Dunkles auf der Fensterbank. Es hat die Beine angezogen und die Arme um die Unterschenkel gelegt. Es schaut mich an. Ohne die Lippen zu bewegen, stellt es mir die Frage: „Wenn du Mutti oder Vati retten könntest, bevor einer von ihnen in die Tiefe stürzt – wen würdest du wählen? Überlege gut, du kannst nur einen retten.“

Ich liege in meinem Kinderbett und suche die Antwort, was mich in Konflikte stürzt. Ich kann mich nicht entscheiden. Und das ganze Überlegen führt zu einer weiteren Frage: Was ist der Tod? Was bin ich, wenn ich tot bin? Wo bin ich dann? Unvorstellbares nimmt von mir Besitz. Aber ich lebe. Immer noch. 

Da melden sich Jahre später die, die nur kurze Zeit gelebt haben. Und weil ich immer noch lebe, kann ich sie nennen, mit Namen. Dann ist es gut.

Karin, Gerda, Klaus, Cornelius.

CHi – April 2020

Treibholz

Langsam ließ sie sich von den sanften Wellen des Ozeans auf und ab wiegen, sie wurde ruhig. Zuvor hatte sie sich lange Zeit wie ein Stück Holz – rissig und trocken – gefühlt, das Treiben im Ozean hatte viel zu ihrer Veränderung und Heilung beigetragen. Da waren unendlich hohe Wogen des Schmerzes und der Trauer gewesen, aber sie hatte sich standhaft oben auf dem Wellenkamm gehalten und behauptet. Einem Wunder gleich war sie nach dieser Anstrengung in ruhigere Gewässer getrieben worden und hatte einen Platz an den Wurzeln eines übermächtig großen Baumes am Strand gefunden.

Es war nicht mehr wichtig zu fragen, was für ein Baum es war, deutlich wusste sie: es handelte sich um den Lebensbaum, den Weltenbaum. Hier war sie sicher, durfte sich ausruhen und Kraft tanken, solange sie wollte. Sie konnte einen weiteren Baum in ihren Blick nehmen, den Baum der Erkenntnis vielleicht? Dann wurde ihr plötzlich klar, daß sie immer an diesen heiligen Ort zurückkehren konnte, Dankbarkeit erfüllte sie.

So war sie in den Ozean zurückgekehrt, mit der Gewissheit, auch die nächsten Wellen, alle Wellen, seien es die von Trauer und Schmerz, oder die von Freude und Glückseligkeit, annehmen und wieder loslassen zu können.

Ein Teil des Wissens der Großmütter hatte in ihr seinen Platz gefunden: Alles war da – das Wasser um sie herum und in ihr, die Luft über ihr und in ihr, die Erde unter ihr und in ihr, das Feuer in ihrem Herzen.*

CHi – 03.08.2022

* Gelesen in und inspiriert von: „Die Lehren der Großmütter“
von Sharon McErlane

Kennst du den Namen des Windes?

Als ich klein war, las ich im Märchenbuch den Satz: „der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Der Wind kam zu mir, ich hörte ihn, als ich einen Helfer brauchte, er hat sich mir unter verschiedenen Namen vorgestellt: Da war der Kastanienwind, der im Sommerurlaub beruhigend und kräftig durch die Bäume vorm Fenster rauschte. Er versprach Sicherheit und guten Schlaf, Kühle und Schutz. Bei meinen Spaziergängen im Heimatwohnort wünscht der Erlenwind, jedesmal, wenn ich an der Biegung meinen Weg gehe, erhaben einen guten Tag. Er raschelt hoch oben und flüstert von Geheimnissen, die er nicht preisgibt. Deswegen zieht es mich magisch an, bei ihm vorbeizuschauen, vielleicht verplappert er sich eines Tages doch und ich werde in eine seiner Heimlichkeiten eingeweiht.

An meinem Lieblingsplatz am Waldrand gibt es für eine kurze Zeit im Jahr den Maisfeldwind, der hart und leicht hölzern klingt, als wenn er mich warnen will, daß sich andere Menschen nähern, die mich bei meiner Meditation stören.

Der hauseigene Rotbuchenwind ist ein guter Freund, tagsüber und manchmal auch nachts. Er war da, als ich ihn dringend brauchte, in den Nächten des schlechten Schlafes und Hitze, die im Körper brannte. Wenn es mich dann ins Freie trieb, wogte und wiegte der Wind beruhigend in den Ästen der großen Buche und gab mir Hoffnung und Vertrauen ins Zuhören.

So ist der Wind für mich ein himmlischer Beistand, und ich weiß, er ist immer für mich da, solange er etwas bewegen kann.

CHi – 20.07.2020

3 x 40 cm

Das Mädchen lag auf dem Bauch, nass, die rechte Wange am Boden abgelegt. Die halblangen aschblonden Haare hingen ihr in algenähnlich verschlungenen Strähnen über das Gesicht. Wenn sie blinzelte, konnte sie durch den Haarvorhang das glitzernde Wasser des Freibadbeckens für die geübten Schwimmer sehen, die Steinplatten des Beckenrandes bildeten die unteres Linie ihres Blickfeldes.

Das Mädchen lauschte, auf das gluckernde Geräusch des Wassers, das in eine Ablaufrinne schwappte – immer wenn ein wagemutiges Kind oder ein selbstbewusster Erwachsener in der ausgewählten Sprungform den Absprung vom 1 oder 3-Meter-Brett ausführte.

Es hörte auf die Schritte, die von Vorbeigehenden durch den sonnenwarmen Boden bis zu ihr übertragen wurden. Ließen sich nicht Lebensfreude, Alter und sogar Charakterzüge aus diesen Tönen herauslesen? Es meinte, den energischen, ruhigen und gleichmäßigen Schritt des Bademeisters wahrzunehmen, unterstützt wurde das Identifizieren durch das Schlappen der Badelatschen, die er trug. Immer. Wie Teil einer Uniform, die zusätzlich aus einem weißen kurzärmeligen T-Shirt und einer königsblauen kurzen Sporthose bestand. Ein Schritt sagte: Autorität, der nächste aufgesetzte Fuß ergänzte: Menschlichkeit. So stellte sich das gesunde Gleichmaß automatisch im Gang her. 

Nun horchte das Mädchen weiter, in größere Entfernung. Da war Lachen und Quietschen im Kinderplanschbecken, erhitztes Rufen der in Gruppen jagenden Vorpubertierenden und das verschämte Flüstern der Nachpubertierenden hinter der Hecke, die den Rasenliegeplatz vom Schwimmbeckenbereich trennte.

Das Mädchen lag auf Steinplatten, die 40×40 cm maßen, der noch kindliche Körper beanspruchte von Kopf bis Fuß drei dieser Platten. Es träumte vor sich hin und war zuhause in dieser Welt aus Tönen, Licht, Empfindungen und Materialien, belebt durch Menschen verschiedensten Alters.

Und heute – mehr als 50 Jahre später? Die sich erinnernde Frau übersetzte das erinnerte Maß von drei Steinplatten in 120 cm, was einem Lebensalter von circa 8 Jahren entspricht. Sie nahm noch genausoviel wahr wie früher, ihr Maß hatte sich auf 4 1/4 Steinplatten in der Länge erhöht und war seit Jahren unverändert – die Breite war erfreulicherweise nicht über 40 cm hinausgegangen. 

Sie wollte weiter wachsen und suchte nach einer neuen Maßeinheit. Ihr kam der Begriff Lumen in den Sinn, das Wort, das angibt, wie viel Licht eine Quelle pro Zeitspanne abgibt. 

Dies schien die Richtung zu weisen, in welcher Form sie sich weiterentwickeln konnte.

CHi – 21.01.2025

Abb.: Siraphol Siricharattakul@vecteezy.com

Komm in meinen Garten

Ich zeige dir meinen Garten, er ist geöffnet und man kann gerne eintreten. Er liegt innerhalb eines alten Baumbestandes und ist nicht von Bretterzäunen umgeben und versteckt hinter undurchschaubaren Hecken, einzig ein Durchblick gewährender filigraner Metallzaun mit einem Tor umgibt ihn. Man ist eingeladen, den Garten zu betreten um seine Kostbarkeiten und seine Schönheit zu genießen.

Es gibt blühende Blumen, weiter entfernt einen einzeln stehenden Baum und wenn man die verschlungenen Wege entlangschreitet kommt man an verwunschenen Lauben vorbei. Der Baum im hinteren Teil des Gartens ist ein hohes, eindrucksvolles Exemplar – es ist eine Eiche. Zwischen den Blättern sitzen auf den Ästen kaum sichtbar die verschiedensten Tiere: eine Eule, ein Affe, ein Faultier, eine Katze und auch viele Singvögel. Wenn man geduldig und aufmerksam ist, zeigen sich bestimmt noch weitere Lebewesen. 

Vielleicht ist der Baum doch keine Eiche, sondern ein Obst- ein Apfelbaum, denn er trägt goldfarbene, rotwangige sowie ein wenig spitz zulaufende, süßlichduftende, apfelförmige Früchte. Eine Bank unter dem Baum lädt zum Verweilen ein, hier kann man Rast machen, beobachten, bei sich sein, den Tönen der Tiere lauschen und den ein oder anderen Apfel verzehren.

Vielleicht kommt auch Besuch vorbei.

CHi – 23.03.2021

Zwei Elfchen

Natur

beruhigt alles.

Grün umgibt mich.

Ich kann alles loslassen.

Natur.

Selbstvergessen.

So wonnig.

Liegend, warm, frei.

Zeit spielt keine Rolle.

Selbstvergessen.

CHi – Februar 2020