Auf der Fensterbank

Da sitzt etwas Dunkles auf der Fensterbank. Es hat die Beine angezogen und die Arme um die Unterschenkel gelegt. Es schaut mich an. Ohne die Lippen zu bewegen, stellt es mir die Frage: „Wenn du Mutti oder Vati retten könntest, bevor einer von ihnen in die Tiefe stürzt – wen würdest du wählen? Überlege gut, du kannst nur einen retten.“

Ich liege in meinem Kinderbett und suche die Antwort, was mich in Konflikte stürzt. Ich kann mich nicht entscheiden. Und das ganze Überlegen führt zu einer weiteren Frage: Was ist der Tod? Was bin ich, wenn ich tot bin? Wo bin ich dann? Unvorstellbares nimmt von mir Besitz. Aber ich lebe. Immer noch. 

Da melden sich Jahre später die, die nur kurze Zeit gelebt haben. Und weil ich immer noch lebe, kann ich sie nennen, mit Namen. Dann ist es gut.

Karin, Gerda, Klaus, Cornelius.

CHi – April 2020