Wieder einmal waren es ihre Füße, die sie auf den Weg brachten, ein wenig paradox, aber sie hatte gelernt, mit solch auftretenden Widersprüchlichkeiten zu leben und sie in besonderer Weise wahrzunehmen. Auch dass sich die Schmerzen am zweiten Urlaubstag, nach der ersten Wanderung, zeigten, nahm sie zunächst hin.
Eine gute Freundin hatte ihr einen Rat gegeben, welches Medikament die Frau nehmen könnte, um ihre teilweise ausufernden, besonders nachts stark auftretenden Schmerzen im Fuß in die Schranken zu verweisen. Stechen, Brennen, Ziehen, Bohren, starke Hitze – sie hatte mannigfaltige körperliche Erscheinungen, zeitweise in beiden Füßen, wahrgenommen und beobachtet.
Nun stand sie vor einer Apothekerin und verlangte das gewünschte Präparat. Eine auf den ersten Blick unnahbare Person, keinesfalls unfreundlich, aber eine gewisse Kühle ausstrahlend, das Gesicht durch Schminke und Puder modelliert wie das einer Puppe aus dem Österreich des 19. Jahrhunderts, nahm die Apothekerin den Wunsch der Frau entgegen. Um nachzuschauen, ob das Präparat vorrätig war, bewegte sich die Apothekerin mit kleinen, abgezirkelten, automatisch wirkenden Bewegungen in den hinteren Bereich der Räumlichkeiten. Nein, man müsse es bestellen, war die Information.
Es entspann sich ein Beratungsgespräch, in dessen Verlauf die Frau eine unterschwellige Verbundenheit spürte. Da sie versäumt hatte, ihre Freundin nach der genauen Dosierung zu fragen, sollte die Bestellung der passenden Darreichungsform telefonisch erfolgen – es gab einen unprätentiösen Zettel mit Stempel der Apotheke und einer handgeschriebenen Telefonnummer.
Am Tag darauf stand die Frau wieder vor dem Thresen, die Apothekerin erinnerte sich und fragte: „Ach, es war der Fuß, nicht wahr?“
Die Frau legte kurz und knapp ihre Hilflosigkeit ob des Schmerzes dar, da sie nicht wusste, wie ihm beizukommen war und daß deswegen ein Termin bei einem hiesigen klassischen Orthopäden anstand.
Die Apothekerin bekam einen anderen Blick, ihr ganzer Ausdruck änderte sich und sie gab preis, seit einer Fussoperation vor zwei Jahren immer noch mit Schmerzen zu leben, was das Ganze in Mitleidenschaft zöge. Mehr brauchte sie nicht zu sagen, die Frau verstand augenblicklich, was „das Ganze“ bedeutete.
So standen sich beide im gegenseitigen Verständnis gegenüber, die Frau wünschte der Apothekerin zum Abschied alles Gute und da war es: ein Lächeln, welches ihre eigentliche Wesensart offenbarte.
Die Frau verließ im Gewahrsein über das verbindende Netz, welches kurz spürbar und leuchtend gewesen war, die Apotheke.
CHi – 10.06.2022


