Die Dame in Schwarz kommt zum Tee
Aufgeregt habe ich einen grünen Tee aufgebrüht, nicht zu kurz nicht zu lang, ziehen lassen. Er soll dem Besuch, der Dame in Schwarz, munden. Plötzlich sitzt sie am Tisch, kein Klingeln, keine Begrüßung, sie ist einfach da. Nun, ich selbst habe sie hergebeten.
Sie sagt nichts, nickt nur und hält den Kopf leicht schräg. Glattes, graues, hochgestecktes Haar umrandet ihr blasses Gesicht. Sie trägt ein eng geschnittenes Kleid, schwarze, glänzende Knöpfe verschließen das Oberteil bis zum Hals.
Na, scheint sie zu sagen, dann erzähl doch mal: Warum bin ich hier?
Ich selbst drehe mit einem Teelöffel spiralige Kreise in meinem grünen Tee, obwohl weder Zucker noch Milch zum Verrühren dazugegeben wurden. Pur und einfach steht er in der Tasse. Fragend schaue ich in mich, mein Inneres, kann aber nicht sofort eine Antwort finden, außer, daß ich die Dame in Schwarz kenne. Allerdings ist es lange her, seit wir uns gesehen haben. Ich meine, in ihr die dunkle Gestalt zu erkennen, die auf dem Fensterbrett meines Kinderzimmers saß.
Und ja, lange habe ich den Kontakt zu ihr nicht gesucht, sondern mich lieber mit tanzenden Wesen, die Blumenkränze im Haar trugen, umgeben. Aber ich erkenne – ich und die Dame in Schwarz sind zusammen alt geworden, auf eine Art und Weise, die man anerkennen kann. Wir werden uns ab jetzt öfter treffen, nehme ich an, gute Gesellschaft ist schwer zu finden heutzutage.
Die Dame in Schwarz nimmt ihren Kopf in eine gerade Haltung, lächelt mir zu und trink ihren ersten Schluck Tee.

CHi – 13.07.2020
Was wollen wir trinken
Heute saß mir plötzlich, zur Dämmerungsstunde, die Dame in Schwarz gegenüber. Mit übergeschlagenen Beinen und bestimmter Stimme verlangte sie nach einem Glas Rotwein, das ich zusammen mit ihr trinken solle.
Verwundert musste ich feststellen, daß sie sich seit gestern verändert hatte: ihr Teint war rosiger, ihr Ausdruck milder. Ihre Bluse war nicht mehr bis zum Hals geknöpft, sondern die zwei oberen, schwarzen, leicht glänzenden Knöpfe in Rosenform waren geöffnet. Außerdem hatte sie eine goldene Brosche mit roten Edelsteinen angelgt, auch das Schmuckstück stellte eine liegende Rose dar. Ob sie deswegen auf die Idee gekommen war auf ein Glas Rotwein vorbeizuschauen?
Insgesamt war sie heute von wesentlich resoluterer Erscheinung, was sich auch dahingehend äußerte, daß sie mitnichten schweigsam war wie tags zuvor. Sie sprach sehr direkt zu mir: ich solle sie nicht vergessen und sie sei ein Teil von mir. Zusammen könnten wir bestimmt auch das lebhafte Kind mit der kleinen gelb-rosa Plasikgießkanne, das so gerne mit und am Wasser spielte, wieder herbeirufen und gemeinsam zu dritt – statt Rotwein – ein Glas leckere frische Milch genießen.
Ich hörte ihr stumm, erstaunt, aber nicht ablehnend zu und erkannte, wie recht sie hat.

CHi – 14.07.2020
Trage ein Band in deinem Haar
Heute sind wir beide schweigsam, die Dame in Schwarz trug einen Rock, den ich so noch nie gesehen hatte. Zwischen den Falten verbergen sich bunte Stoffstreifen, die beim Bewegen des Rockes sichtbar werden. So konnte sie steuern, wieviel von ihrer Farbigkeit sie zeigen wollte.
Da wir nichts zu besprechen hatten, legte sie sich zu mir aufs Bett, aufpassend, aber mahnend, daß ich selber dafür die Verantwortung trage, wieviel von ihr ich in mir zulassen und willkommen heißen will. Dies teilte sie mir über Gedanken mit und machte den Vorschlag, eines ihrer farbigen Stoffbänder in meinem Haar oder an meiner Kleidung zu tragen – dies würde ausreichen, um sie zu würdigen und zu integrieren. Auch auf das kleine, lebhafte Kind soll ich sehr gut aufpassen, es lag plötzlich im Bett vor mir, während die Dame hinter mir lag.
„Lass dir die Buntheit nicht austreiben“ raunte sie mir zum Abschied ins Ohr. Während sie dann verschwand blieb das wilde Kind – schlafend – noch lange ungestört, lächelnd, sicher.
Bei mir.

CHi – 15.07.2020
Lass uns tauschen
Die Dame in Schwarz besuchte mich heute beim Joggen. Sie hatte Ratschläge für mich: „Erinnere dich, tief in deinem Inneren klingen all die Geschichten und Worte, die du gelesen hast, nach. Sie bilden Neues, das durch dich erzählt werden will. Du weißt, dass du kreuz und quer, Klassiker und Modernes, Trauriges und Abenteuerliches gelesen hast. War es nicht wunderbar, von jemandem an die Hand genommen zu werden, geführt auf einem Weg, der manchmal mehr, manchmal weniger, absehbar war? Es gab auch gefährliche Wege, wo nach einer Biegung plötzlich ein Schmerz zu erlesen war. Trotzdem gingst du mit, ließest die Hand nicht los, denn am Ende stand eine Erfahrung, die, in einigen Fällen auch vorweggenommen, erst Jahre später wieder ins Bewusstsein rückt.
„Also besinne dich“, sagte die Dame in Schwarz zum Abschluss, „ich tausche mit dir und gebe Worte frei, du gibst mir dafür Farben, damit ich nach und nach mein Schwarz ablegen kann.“
Und sie erlaubte mir einen Blick auf ihre Füße, die schon in bunten, weichen Wollsocken steckten. Kurz öffnete sie auch ihr geknöpftes Kleid, darunter war sie nackt, da ich erst noch weiter mit ihr tauschen muss.

CHi – 17.07.2020
Nimm einen Apfel, mein Kind
Plötzlich lag die Dame in Schwarz vor mir auf dem Teppich, entspannt, den Kopf in die aufgestützte Hand gelegt, schaute sie mich schräg von unten an. War da eine gewisse Schelmenhaftigkeit in ihrem Blick? Ihr Gewand war heute aus einem leicht fließenden, fast durchsichtigem Stoff, in der Taille durch einen schmalen silbernen Gürtel in zwei Hälften geteilt. Ihr Blick war blau und klar.
Wielange willst du denn noch an deinem Marterpfahl ausharren? Es wird Zeit, dass du dich wieder unter Menschen begibst und tanzt, mahnte sie mich augenzwinkernd. Richtig albern und kindisch kam ich mir vor mit meinem verheulten Blick und den lustlos unfrisierten Haaren. Ich bin davor, einen Kompromiss mit ihr auszuhandeln. Durch einen Apfel, den sie mir reicht und den ich gleich in der altbekannten Spiralschälweise verarbeiten und verzehren werde, besiegeln wir unser Abkommen.
Der Friseurbesuch steht an.

CHi – 01.08.2020
Ratsch klack, ratsch klack, ratsch klack
Entspannt liege ich im Gras der Sommerwiese, Blumenstängel, an denen Käfer hochkrabbeln, neben mir, die Wolken über mir …
Doch dann: Ratsch klack, ratsch klack, ratsch klack – ein leicht unangenehmes Geräusch. Ich hebe vorsichtig meinen Blick und linse über die Gras-, Blumen-, Halmkante der Wiese. Die Dame in Schwarz fährt, von links kommend, mit einem klapprigen Fahrrad den Feldweg entlang, kreuzt meinen versteckten, geradeaus gerichteten Blick, dann dreht sie um und kommt zurück. Ich bin nicht sicher, sie verhält sich, als hätte sie mich nicht gesehen, aber sie grummelt vor sich hin und dieses Gegrummel gilt bestimmt mir.
„Immer nur liegen, liegen, ist ja schön, bringt aber niemanden weiter. Trauen muss sie sich, alles Mögliche. Das geht.“ Und schon sehe ich sie wieder nur von hinten, da sie den Feldwegin die Richtung zurück fährt, aus der sie gekommen ist. Sie trägt einen Sonnenhut, der mit einem weißen Band mit roten Punkten geschmückt ist.
Und da! Schon wieder dreht sie um und nähert sich erneut. Sie schaut angestrengt und auch ein wenig verschmitzt. Ihre Haare sind unter dem Hut verborgen und das schwarze Kleid bewegt sich im Fahrtwind. Ich sehe fast nicht richtig: sie trägt gelbe Gummistiefel! Als sie auf meiner Höhe ist, raunt sie: „Du schaffst das. Alles.“
Schon ist sie vorbei und fährt den Feldweg weiter, bis ich sie nicht mehr sehen kann.

CHi – 05.08.2020
Gewitter – und wenn schon
Der Abend ist mild, morgen wird große Hitze erwartet. Vieles kommt zusammen, heute ist der 21. Tag des Monats, es ist ein Freitag.
Ich warte – meldet sich die Dame in Schwarz? Bisher noch kein Zeichen. Ich drehe mich um, denn mir war so, als wenn jemand auf meine rechte Schulter getippt hat. Ja, da steht sie wahrhaftig, den Kopf mal wider schräg gelegt und mit lächelnden Augen.
„Wovor hast du Angst?“ schilt sie mich leicht schnippisch. „Der 21. ist ein Tag wie jeder andere, wenn du an deine Mutter denken willst, mach das doch. Und wenn du ihre blitzenden Augen vermisst – freu dich, daß sie sie hatte und an dich weitergegeben hat. Und wenn es gewittert, dann ist das einfach Wetter, befreiendes Wetter, sieh es mal so.
Sprach sie und drehte sich dann im Kreis, daß ihr Rock nur so flog. Sie hatte diesmal geflochtene Zöpfe und trug eine bunte, bestickte Weste. Zum Abschluß klatschte sie laut in die Hände, stellte sich dann mit angewinkelten Armen und den Händen auf den Hüften vor mich und sagte:
„Jetzt du! Tanze, die Zeit ist reif dafür.“

CHi – 20.08.2020
Heiße Milch mit Honig
Eine halbe Tasse Milch mit Honig war noch vom Vortag übrig – heute Abend vor dem Schlafengehen genau der richtige Trunk für Bettschwere. Eben, als ich die Küche verließ, nachdem ich die Milch aufgewärmt hatte und um die Zimmerecke bog, um das Schlafzimmer zu betreten, war ich erstaunt, die Dame in Schwarz schon im Bett liegen zu sehen. Eingemummelt unter der dicken Decke war eigentlich nichts – kann das sein – von ihr sichtbar. Doch, da, ein langer geflochtener Zopf mäanderte über das Kopfkissen.
Nun sitze ich auf dem Sofa und traue dem Braten nicht so recht, sollte ich jetzt plötzlich die energievollere von uns beiden sein? Unfaßbar. Ich schaue lieber nochmal nach ihr. Tatsächlich, sie ist wirklich da, jetzt sitzt sie im Schneidersitz auf dem Bett, hat eine lange, dunkelrot-grau gestreifte wollene Unterhose an, dazu trägt sie ihr unvermeidliches schwarzes Oberteil. Ein großer Bergkristallanhänger an einer Kette ruht auf ihrer Brust.
Die Dame schaut freundlich, leicht müde. „Keine Anstrengungen mehr heute Abend“, sagt sie, „ich dachte wir legen uns gleich zusammen zu Bett und gleichen unsere Schwingungen an. Du liest mir noch ein wenig aus der Schamanengeschichte vor, dann schlummern wir entspannt ein und schlafen durch.“
Ich hatte nichts dagegen einzuwenden.

CHi – 19.09.2020
Spüre den Fluß in dir
Ströme. In den Füßen, hoch, bis zu den Knien. Unsicherheiten, wen oder was ich da fühle. Sind es Energien der Ahnen, die mich von unten, aus der Erde, erreichen? Warum weigert sich der Kopf, es nach oben abzugeben? Dort würde es hingehören.
Weit und breit keine Dame in Schwarz oder anderen Farben zu sehen. Vielleicht ist sie beleidigt oder meint, mich alleine durch diese Angelegenheit mit meinen Ahnen gehen lassen zu müssen. Soll ich?
Da schwebt ihr Gesicht vor mir. Ein „ja“ wird leise, fast zärtlich formuliert. Weiteres sagt sie mir nicht. Fragend bleibe ich auf meiner Bank sitzen. Also kommen Antworten, wenn ich frage … ich kann einfach sitzenbleiben. Wie in einer großen Meditation. Ich ahne, daß jede Menge Schmerz noch gefühlt werden muß. Soll ich?
Da – wieder ihr Gesicht: „Ja!“ Dieses Ja wird fast geschrien. Sie ist traurig, meine Dame in Schwarz. Und sie sagt mir jetzt noch ehrlich: „Das ist unser Schmerz, der Schmerz der Familie, insbesondere der eingheirateten Frauen. Es reicht schon, wenn du ihn ansiehst, erkennst und würdigst. Danach kannst du ihn auch loslassen. Bitte.“
Zart streicht sie mir über die Hände – ihr Moiré-Kleid changiert in dunklem Grün.

CHi – 02.10.2020

