Die unsichtbare, immerwährende, wandelbare Perlenkette

Verschwitzt und erschöpft stieß sie die große, rauchfarbene Glas-Doppeltür auf, verließ das Etablissement, in dem sie stundenlang getanzt hatte und betrat atemholend die sich verabschiedende Nacht. 

Das Haar klebte schweißnass an ihren Schläfen und ihrem Nacken, fröstelnd, sich selbst umarmend fand ihr die Umgebung scannender Blick einen Fixpunkt in einem etwas entfernt am Bordstein parkenden Taxi. Das leuchtende Dachschild signalisierte „einsatzbereit“. Der Fahrer reagierte auf ihr mattes Winken, das Taxi bewegte sich auf sie zu. Sie öffnete die rechte, hintere Tür und ließ sich mit der ausgehauchten Frage: „können Sie mich nachhause fahren?“ auf die Rückbank fallen. Der Fahrer erinnerte sie, obwohl sie ihn nur von hinten sah, an einen Darsteller aus einem Film – einer Fernsehserie? In voller Klarheit kam sein Augen-Blick in den Rückspiegel bei ihr an.
„Natürlich“ war die Ein-Wort-Antwort auf ihre zuvor gestellte Frage.

Sie entspannte sich in sich selbst, ohne der Frage, woher er die Adresse kennen könnte, weiter nachzugehen. Zu anstrengend. Mit geschlossenen Augen nahm sie wahr, wie ihr System herunterfuhr, sich vertikal ausrichtend, während sie sich in der Horizontalen, im Taxi sitzend, fortbewegte. Erst jetzt bemerkte sie Tränen, die ihre Wangen hinabliefen und gleichzeitig spürte sie eine Perlenkette, die sie wohl schon immer getragen hatte. In atemberaubender Schlichtheit lag sie kühl und nahezu gewichtslos um ihren Hals. Es fühlte sich an, als wäre die Kette ständig der Veränderung unterworfen, einige der Perlen „verdunsteten“ sozusagen, während neue Perlen „heranwuchsen“. Einmal wurde die Kette länger, ums andere Mal verringerte sie ihren Umfang – niemals wurde die Verbindung gelöst.

Die vorherrschende Farbe der Perlen war ein perlmuttweiß mit zartem Rosa, aber es gab hin und wieder auch schwarze, die zu hellem Grau verblassten. Eine Perle war größer als die anderen, sie zeigte einen leichten Regenbogenschimmer, der seine Form verändernd, über die Perle wanderte. Diese besondere Perle verlor niemals ihre Position auf der Herzachse.

Berührt und energetisiert durch die Kette hob die Frau stolz den Blick, der abermals im Spiegel auf den des Fahrers traf. Zeitgleich hielt das Taxi an. Der Fahrer stieg aus, trat an das hintere Fenster und bot der Frau mit folgenden Worten den Schlüssel dar: „Du kannst selber fahren, du kennst den Weg. Noch ein Hinweis: Achte darauf, wen du mitnehmen willst und einsteigen lässt.“ Mit Selbstverständlichkeit nahm die Frau den Schlüssel entgegen, wechselte auf den Fahrersitz und fuhr los. 

Einige Perlenspannen später steht die Frau in einem Museum fasziniert vor dem Bild „Die Perlen“ aus dem Jahr 1938. Schlagartig wird ihr bei Betrachtung des Bildes klar, daß einige Menschen dafür bestimmt sind, unsichtbare Perlenketten zu tragen und Werke für die Weltgemeinschaft zu schaffen, um zu verarbeiten, zu gedenken, zu überleben, um Mitgefühl zu geben oder zu erleben. Vielleicht auch einfach um Dankbarkeit zu zeigen, wenn die eigene Perlenkette nicht zu schwer wiegt.

Die Frau fühlte sich in der Verantwortung – und nahm sie an.

CHi – 22.06.2025