Ich finde mich in den schwedischen Schären wieder – die Reise hierhin ist mir nicht in Erinnerung, ich bin einfach da. Im befinde mich im Fersensitz auf einem großen, glatten Felsen, mir gegenüber sitzt aufrecht eine Frau in den Vierzigern. Sie ist es, die mich eingeladen hat.
Ihre langen aschblonden Haare sind hochgesteckt, sie hat helle Augen, ihre Gesichtszüge sind ebenmäßig und ruhig, so ruhig wie das Wasser, das die Felseninsel umgibt. Bekleidet ist sie mit einer weissen Bluse mit hohem Kragen und durchgehender Knopfleiste, die von weissgarnigen Stickereien flankiert ist, der Rock ist dunkelgrau und wadenlang, schwarze Schnürstiefel vervollständigen das Bild.
Ich setze mich in den Kniestand auf und sie legt mir ihre Hände auf die Schultern. „Schön, dass du gekommen bist“ – die Unterhaltung findet ohne gesprochene Worte, per Gedankenübertragung statt. „Gräme dich nicht mehr so sehr, denn du kannst Besonderes hören. Die Töne der Planeten, wenn sie ihre Bahnen ziehen; das Rascheln des Windes im Laub der Bäume oder sein an- und abschwellendes leichtes Pfeifen, wenn er in einem Haus vom Schornstein auf dem Dach durch das ganze Haus zieht. Und ich zeige dir noch mehr.“
Wir stehen auf, und tatsächlich kann ich sogar das leichte Rascheln ihres gestärkten Leinenrockes während des Voranschreitens registrieren. Ebenso nehme ich das feine Knirschen ihrer Lederstiefel wahr. Das dickhalmige Gras, das sich unter ihrem Schritt biegt und beugt, verursacht ein sattes, feuchtes Schnalzen. Ein Käfer, der sich rechtzeitig vor uns in Sicherheit bringt, steuert das Surren seiner zarten Flügel bei.
Noch ein paar Schritte und wir stehen am Ufer einer kleinen Bucht. Hier empfängt uns das zögerliche, in leicht variierendem Takt sich unendlich wiederholende Geräusch der mit Schaum begrenzten Wasserzungen, die am Strand lecken.
Die Frau fordert mich auf, mich zu konzentrieren und noch genauer zu lauschen, wir schließen unsere Augen. Ja, dort unten im Wasser, tief am Grund – höre ich sich umkreisende Fische, unsichtbar, aber da. In meinem Rücken kann ich das weit entfernte, aufgeregte Rufen eines Wasservogels vernehmen, dessen Nest bedroht wird. Linkerhand ein leichtes Knacken, immer wieder. Es sind Kiefernzapfen, die von warmer Luft umströmt, ihre Schuppen abspreizen und Samen freigeben.
Freudestrahlend sehen wir uns in die Augen, seeblau, ein Geheimnis teilend.
CHi – 26.02.2025


