Sie lag am Boden, die Arme seitlich ausgestreckt, das Gesicht zum Himmel gerichtet. Sie schien zu empfangen. So lange war sie weggelaufen, gerade Strecken, Hügel hinauf und hinab, im Kreis herum. Nun war sie stehengeblieben, hatte sich entschieden, den großen Schmerz, der immer noch tief in ihr war, anzunehmen. Sie hatte keinen Namen für den Schmerz, er schien alt und umfassend, weiblich zu sein. Meistens wanderte er von tief unten über ihr Herz in den Kopf, um dort zu kreisen, alles in Unordnung zu bringen und sie sich dumpf fühlend zu belassen.
Ihr kam Afrika in den Sinn, vielleicht weil dieser Kontinent für sie schon immer den Umriss eines Frauenkopfes darstellt hatte und sie sämtliche Länder Jahren mit Namen und geografischer Lage kannte – dank eines Unterrichtes, der von Strenge und daraus resultierender Angst bestimmt war.
Afrika schien ihr eine passende Metapher für Schmerz zu sein, jedes einzelne Land konnte etwas dazu beitragen: Hunger, Hitze, Wüste, blutige Unruhen, Armut, Krieg … Die Zeit verschwand hinter diesen Begriffen und und sie trat in eine größere Dimension ein – die Bezeichnung Pangäa erscheint in ihrem Bewusstsein und sie erzittert vor den Ausdehnungen von Zeit und Raum. Afrika schien nicht groß genug, um den Kummer zu halten.
Ehrfürchtig erfühlt die Frau Äonen, fortwährend gab es Veränderung im Schmerz und immer entstand auch etwas Neues daraus: Landmassen drifteten auseinander – Kontinente und Gebirge wurden geboren, Spalten und Verwerfungen taten sich auf, Ozeane hielten alles zusammen – alles in einem niemals sichtbaren, unendlichen Fluß des Wandels.
So spürte sie noch weiter, den Schmerz und die Zeit loslassend, sich selbst neu erschaffend.
CHi – 19.04.2023


