Zwei Männer sprechen miteinander. Der eine ist von Geburt an blind.
Der andere kann sehen.
Der Blinde fragt den Sehenden: „Welche Farbe hat Milch?“
Der Sehende antwortet: „Milch ist weiß wie Papier.“
Der Blinde antwortet: „Ich verstehe. Wenn etwas zwischen den Fingern knistert, dann ist es also weiß.“
Der Sehende sagt: „Nein, so stimmt es nicht. Ich erkläre es anders. Milch ist weiß wie Mehl.“
Der Blinde antwortet: „Jetzt verstehe ich. Ist etwas weich und staubig, dann ist es also weiß.“
Der Sehende sagt: „Nein, so ist es auch nicht richtig. Ich erkläre es noch einmal anders. Milch ist weiß wie ein Schneehase.“
Der Blinde antwortet: „Ach, dann ist es also so: Wenn etwas flauschig und weich ist, dann ist es weiß.“
Der Sehende sagt: „Nein. Auch so stimmt es nicht. Milch ist weiß wie Schnee.“
Der Blinde fragt: „Ist also alles Kalte weiß?“
Der Sehende überlegt noch viele andere Beispiele. Aber der Blinde versteht trotzdem nicht, wie die Farbe von Milch ist.
Leo Tolstoi

Mir war heute danach, diese Fabel zu erzählen.
Ich fühle ähnliche Verständnisschwierigkeiten, wenn ich beschreibe, wie es ist, mit einem Hör-Defizit zu leben. Es bleibt eine Unüberbrückbarkeit in der Vorstellungskraft der Hörenden.

