Ausflug in den Norden

Ich finde mich in den schwedischen Schären wieder – die Reise hierhin ist mir nicht in Erinnerung, ich bin einfach da. Im befinde mich im Fersensitz auf einem großen, glatten Felsen, mir gegenüber sitzt aufrecht eine Frau in den Vierzigern. Sie ist es, die mich eingeladen hat.

Ihre langen aschblonden Haare sind hochgesteckt, sie hat helle Augen, ihre Gesichtszüge sind ebenmäßig und ruhig, so ruhig wie das Wasser, das die Felseninsel umgibt. Bekleidet ist sie mit einer weissen Bluse mit hohem Kragen und durchgehender Knopfleiste, die von weissgarnigen Stickereien flankiert ist, der Rock ist dunkelgrau und wadenlang, schwarze Schnürstiefel vervollständigen das Bild.

Ich setze mich in den Kniestand auf und sie legt mir ihre Hände auf die Schultern. „Schön, dass du gekommen bist“ – die Unterhaltung findet ohne gesprochene Worte, per Gedankenübertragung statt. „Gräme dich nicht mehr so sehr, denn du kannst Besonderes hören. Die Töne der Planeten, wenn sie ihre Bahnen ziehen; das Rascheln des Windes im Laub der Bäume oder sein an- und abschwellendes leichtes Pfeifen, wenn er in einem Haus vom Schornstein auf dem Dach durch das ganze Haus zieht. Und ich zeige dir noch mehr.“

Wir stehen auf, und tatsächlich kann ich sogar das leichte Rascheln ihres gestärkten Leinenrockes während des Voranschreitens registrieren. Ebenso nehme ich das feine Knirschen ihrer Lederstiefel wahr. Das dickhalmige Gras, das sich unter ihrem Schritt biegt und beugt, verursacht ein sattes, feuchtes Schnalzen. Ein Käfer, der sich rechtzeitig vor uns in Sicherheit bringt, steuert das Surren seiner zarten Flügel bei.

Noch ein paar Schritte und wir stehen am Ufer einer kleinen Bucht. Hier empfängt uns das zögerliche, in leicht variierendem Takt sich unendlich wiederholende Geräusch der mit Schaum begrenzten Wasserzungen, die am Strand lecken.

Die Frau fordert mich auf, mich zu konzentrieren und noch genauer zu lauschen, wir schließen unsere Augen. Ja, dort unten im Wasser, tief am Grund – höre ich sich umkreisende Fische, unsichtbar, aber da. In meinem Rücken kann ich das weit entfernte, aufgeregte Rufen eines Wasservogels vernehmen, dessen Nest bedroht wird. Linkerhand ein leichtes Knacken, immer wieder. Es sind Kiefernzapfen, die von warmer Luft umströmt, ihre Schuppen abspreizen und Samen freigeben.

Freudestrahlend sehen wir uns in die Augen, seeblau, ein Geheimnis teilend.

CHi – 26.02.2025

Abb.: unter Verwendung des Saturnbildes von neharustagiofficial@pixabay

Ein Schmerz, so groß wie Afrika

Sie lag am Boden, die Arme seitlich ausgestreckt, das Gesicht zum Himmel gerichtet. Sie schien zu empfangen. So lange war sie weggelaufen, gerade Strecken, Hügel hinauf und hinab, im Kreis herum. Nun war sie stehengeblieben, hatte sich entschieden, den großen Schmerz, der immer noch tief in ihr war, anzunehmen. Sie hatte keinen Namen für den Schmerz, er schien alt und umfassend, weiblich zu sein. Meistens wanderte er von tief unten über ihr Herz in den Kopf, um dort zu kreisen, alles in Unordnung zu bringen und sie sich dumpf fühlend zu belassen.

Ihr kam Afrika in den Sinn, vielleicht weil dieser Kontinent für sie schon immer den Umriss eines Frauenkopfes darstellt hatte und sie sämtliche Länder Jahren mit Namen und geografischer Lage kannte – dank eines Unterrichtes, der von Strenge und daraus resultierender Angst bestimmt war.

Afrika schien ihr eine passende Metapher für Schmerz zu sein, jedes einzelne Land konnte etwas dazu beitragen: Hunger, Hitze, Wüste, blutige Unruhen, Armut, Krieg … Die Zeit verschwand hinter diesen Begriffen und und sie trat in eine größere Dimension ein – die Bezeichnung Pangäa erscheint in ihrem Bewusstsein und sie erzittert vor den Ausdehnungen von Zeit und Raum. Afrika schien nicht groß genug, um den Kummer zu halten.

Ehrfürchtig erfühlt die Frau Äonen, fortwährend gab es Veränderung im Schmerz und immer entstand auch etwas Neues daraus: Landmassen drifteten auseinander – Kontinente und Gebirge wurden geboren, Spalten und Verwerfungen taten sich auf, Ozeane hielten alles zusammen – alles in einem niemals sichtbaren, unendlichen Fluß des Wandels.

So spürte sie noch weiter, den Schmerz und die Zeit loslassend, sich selbst neu erschaffend.

CHi – 19.04.2023

Hintergrundbild: C. Koezle

Metamorphosen

Gestern, als ich meine Geschichte „Der Brunnen“ aus meiner Sammlung in diesen Blog einfügte, merkte ich, daß am Anfang etwas verändert werden wollte. Etwas passte nicht.

So nehme ich zur Kenntnis, daß sich die Texte, während sie im digitalen Ordner vor sich hinschlummern, umgestalten. Sie atmen in ihrem Dornröschenschlaf und leben und warten und werden aufgeweckt.

Bei anderen Geschichten sitze ich vis-à-vis vor dem Bildschirm, der einem Spiegel gleich das Erzählte vor mir zeigt. Ich lese es nochmals neu und ich frage es:

Wie konnte ich das schreiben?
Wie konnte ich das schreiben?
Wie konnte ich das schreiben?
Wie konnte ich das schreiben?
Wie konnte ich das schreiben?

Die Antwort: Es schreibt mich.

Abb.: Gertrud Boernieck,
fotografiert im Deutschen Märchen- und Wesersagenmuseum

Und jetzt wird es abenteuerlich: nachdem ich den textlichen Teil des Blogbeitrages fertig habe folgt meistens erst dann die Kür, das Aussuchen des passenden Bildes. Entweder habe ich etwas vor Augen, dann schaue ich gezielt in meiner Ablage. Oder – ich rausche durch die Sammlung auf meinem iPhone. Es ist ja alles da.

Ein Bild passte ganz gut, aber ich schaute weiter. Und da war es. Beim Einfügen kam dann der Ahh-Moment.

Es trägt den Titel Dornröschen.

Püppi auf Reisen

Im September 2024 habe ich nach mehrjähriger Pause – passiert eben im Leben einfach so – meiner Freundin aus Kindheitstagen mit einer digitalen Nachricht zum Geburtstag gratuliert. Solche Daten gehen nicht verloren, trotz der Pausen.

Als Antwort kam die Nachricht, daß sie sehr krank sei, schon seit zwei Monaten. Wir beide haben als Teenager sehr viel, wirklich viel, unnütze Zeit zusammen verbracht. Mir war nach einem Spaziergang sofort klar, daß ich sie besuchen will. Soweit möglich.

War möglich. Ich bin in meinem Leben öfters umgezogen, da räumt man auf und durch. Manches behält man aus Sentimentalität, wegen des Wertes oder der Nützlichkeit. Ich habe immer viel gebastelt und gewerkelt, es gab eine Serie von drei knapp daumengroßen Püppchen mit den Haarfarben dunkelbraun, rot und blond. Wenn ich mich recht erinnere habe ich sie meinen besten drei Freundinnen gewidmet. Es gibt nur noch das blonde Püppchen, und meine nun kranke Freundin hatte mich irgendwann mal daran erinnert. Ich hatte es fast vergessen.

Ganz klar, das blonde Püppi hatte nach 47 Jahren seinen Bestimmungsort gefunden. Beim Besuch haben wir, als Püppi aus der Verpackung erlöst war, zusammen geweint.

Wie schön, meine Freundin hat die Krankheit überstanden.

Püppi lebt jetzt im Nachbardorf ihrer Entstehung 🙂

Am Brunnen

Da stehe ich, der Brunnen vor mir. Erinnerungen an den Springbrunnen meiner Kindheit werden wach – kaum 40 cm tief, ein strahlendes Blau. Die Steine der Einfassung sind vom Sonnenlicht durchwärmt, der Stein ist ein rotbrauner Sandstein mit silbernen Einsprengseln.

Der Brunnen vor mir ist anders. Dunkel. Tief. Feucht. Die Steine sind von grünem Moos bedeckt, überschattet wird der Brunnen von einer mächtigen Eibe, die sich leicht in Richtung Osten neigt. 

Unentschlossen blicke ich in den Brunnen. Mein leichtes Kleid – es scheint aus glitzernden Steinen zu bestehen, die nur durch feinste weisse Fäden verbunden sind – vermag ich kaum abzulegen. Es soll aber sein. Es ist an der Zeit. Ich werfe es ab und klettere über den Brunnerand. Es ist garnicht kalt, auch garnicht so dunkel, eher silbrig kühl. Ich weiss genau, wenn ich die Hände vom Rand löse, werde ich hinabschweben und sanft aufgefangen. Was finde ich dort unten? Angst? Weisheit? Oder liegt am Grund eine Münze, die auf mich wartet und mir ein Zeichen gibt?

Ich lasse los.

CHi – 08.01.2021

Abb.: Netzfund auf Wilo.com

An Lethes Ufer

Ich habe Vertrauen auf
Entspannung in der Nacht. 

In Tiefe und Geborgenheit
kann ich ruhen,
bis der Tag erwacht.

CHi -2022

Abb.: C. Koezle

Inspiriert vom Februar-Wort

Abb.: Amelie Koezle, 2023

Ich möchte gerne Menschen danken, die mich auf meinem Weg begleitet haben (und teilweise noch begleiten) und auch denen, die mir Impulse gegeben haben. Ich fange mit dem Aktuellen an und werde die Aufzählung in die Vergangenheit reichend ergänzen.
🌐 Der blaue Globus steht für Online-Verbindung, trotzdem in diesen Fällen unglaublich nah und menschlich.

Was die Zukunft noch birgt und bringt, werde ich auch notieren.

Werner A. Krebber 🌐
Dr. Birte Schubert
Elke Klass
Marianne Schemmer
Sabine Berger
Daniela Spreckels
Dr. theol. Reiner Fuchs
Jonathan Baldinger
Alice Lülfsmann
Heidemarie Cox 🌐
Raffaela Wetzel 🌐
Acha Uli-la 🌐
Annemarie
Sabine Fischer
Samarpan 🌐
Christa Trobisch
Markus Röder
Ute Grotemeier
Peter Beer 🌐
Reiner Tintel
Daniel
Eva-Maria Pfeiffer
Martina
Wolli

∞ Christian

Freyas Mantel

Meine Seele hat sich erschrocken – so wie ein Vogelschwarm durch lautes Händeklatschen aufgestört wird und sich verflüchtigt – haben sich aufgeregte, ängstliche, verwirrte Bruchteile meines Wesens wie vom Wind getriebene Federn in alle Himmelsrichtungen verteilt. Sie suchten sich ihre Ziele, manche lagen tief unten im Ozean manche weit oben im Kosmos und viele an anderen Plätzen. Meine Aufgabe war es, mich in Geduld zu üben, zu warten, bis jede einzelne Feder zu mir zurückgefunden hat. Dann erst werde ich ihre Farben sehen und erfahren, welche Geschichten sie mitbringen. 

Wie ein Vogel in der Schwingenmauser halte ich mich nah am Boden auf, ohne ganzheitlichen Schutz und fluchtbereit. Ein Geschenk, das ich für die Überbrückungszeit für wichtige Anlässe geliehen bekam, war der Falkenfedermantel der Göttin Freya, der mir die notwendigen Reisen ermöglichte, um das Überleben zu sichern.

Viel Zeit ist verstrichen, nahezu sieben Jahre, fast alle Federn sind unterdessen wieder eingetroffen und berichten von ihren Abenteuern und Erkenntnissen, die sie an ihren Bestimmungsorten – Bauernhöfen, Seenlandschaften, fernen Planeten, dem Reich der Ahnen, der Unterwelt, Gärten weiser Frauen, dem sicheren Ort – gesammelt und gewonnen haben.

Und nun ist es soweit: ich beginne meinen eigenen vielfarbigen Federmantel zu wirken um wieder zu fliegen und zu reisen. Ich nehme rote Federn wie vom Stieglitz. Orangene wie vom Rotkehlchen. Gelbe wie von der Goldammer. Grüne wie vom Grünfink. Türkise wie vom Eichelhäher. Dunkelblaue wie von der Mandarinente. Violette wie vom Star.

Weiße wie vom Schwan.

Zum Schluss spüre ich in meinen hinter dem Rücken gefalteten Händen eine letzte Feder. Es ist fast so, als hätte der namenlose Engel sie mir gegeben, ich hole sie in der rechten Hand haltend hervor und schaue sie an. Sie ist golden und steht für meine Gabe.

Nun bin ich in der Verantwortung, zu Schreiben und zu Zeichnen.

CHi – 23.06.2025

Abb.: miulgajera@unsplash, modifiziert

Ankunft im kalten Februar

Wie gut, wenn wir uns für einfache Dinge im Leben bedanken können: für einen warmen Platz in einer Wohnung, für einen lächelnden Menschen bei Begegnungen, vielleicht für ein begleitendes Haustier.

Ich bin sicher, jedem fällt etwas zum „danke“ sagen ein. Ich wünsche einen klaren, durchlichteten Monat Februar.