Da stehe ich, der Brunnen vor mir. Erinnerungen an den Springbrunnen meiner Kindheit werden wach – kaum 40 cm tief, ein strahlendes Blau. Die Steine der Einfassung sind vom Sonnenlicht durchwärmt, der Stein ist ein rotbrauner Sandstein mit silbernen Einsprengseln.
Der Brunnen vor mir ist anders. Dunkel. Tief. Feucht. Die Steine sind von grünem Moos bedeckt, überschattet wird der Brunnen von einer mächtigen Eibe, die sich leicht in Richtung Osten neigt.
Unentschlossen blicke ich in den Brunnen. Mein leichtes Kleid – es scheint aus glitzernden Steinen zu bestehen, die nur durch feinste weisse Fäden verbunden sind – vermag ich kaum abzulegen. Es soll aber sein. Es ist an der Zeit. Ich werfe es ab und klettere über den Brunnerand. Es ist garnicht kalt, auch garnicht so dunkel, eher silbrig kühl. Ich weiss genau, wenn ich die Hände vom Rand löse, werde ich hinabschweben und sanft aufgefangen. Was finde ich dort unten? Angst? Weisheit? Oder liegt am Grund eine Münze, die auf mich wartet und mir ein Zeichen gibt?
Ich lasse los.
CHi – 08.01.2021


