Am Brunnen

Da stehe ich, der Brunnen vor mir. Erinnerungen an den Springbrunnen meiner Kindheit werden wach – kaum 40 cm tief, ein strahlendes Blau. Die Steine der Einfassung sind vom Sonnenlicht durchwärmt, der Stein ist ein rotbrauner Sandstein mit silbernen Einsprengseln.

Der Brunnen vor mir ist anders. Dunkel. Tief. Feucht. Die Steine sind von grünem Moos bedeckt, überschattet wird der Brunnen von einer mächtigen Eibe, die sich leicht in Richtung Osten neigt. 

Unentschlossen blicke ich in den Brunnen. Mein leichtes Kleid – es scheint aus glitzernden Steinen zu bestehen, die nur durch feinste weisse Fäden verbunden sind – vermag ich kaum abzulegen. Es soll aber sein. Es ist an der Zeit. Ich werfe es ab und klettere über den Brunnerand. Es ist garnicht kalt, auch garnicht so dunkel, eher silbrig kühl. Ich weiss genau, wenn ich die Hände vom Rand löse, werde ich hinabschweben und sanft aufgefangen. Was finde ich dort unten? Angst? Weisheit? Oder liegt am Grund eine Münze, die auf mich wartet und mir ein Zeichen gibt?

Ich lasse los.

CHi – 08.01.2021

Abb.: Netzfund auf Wilo.com

An Lethes Ufer

Ich habe Vertrauen auf
Entspannung in der Nacht. 

In Tiefe und Geborgenheit
kann ich ruhen,
bis der Tag erwacht.

CHi -2022

Abb.: C. Koezle

Freyas Mantel

Meine Seele hat sich erschrocken – so wie ein Vogelschwarm durch lautes Händeklatschen aufgestört wird und sich verflüchtigt – haben sich aufgeregte, ängstliche, verwirrte Bruchteile meines Wesens wie vom Wind getriebene Federn in alle Himmelsrichtungen verteilt. Sie suchten sich ihre Ziele, manche lagen tief unten im Ozean manche weit oben im Kosmos und viele an anderen Plätzen. Meine Aufgabe war es, mich in Geduld zu üben, zu warten, bis jede einzelne Feder zu mir zurückgefunden hat. Dann erst werde ich ihre Farben sehen und erfahren, welche Geschichten sie mitbringen. 

Wie ein Vogel in der Schwingenmauser halte ich mich nah am Boden auf, ohne ganzheitlichen Schutz und fluchtbereit. Ein Geschenk, das ich für die Überbrückungszeit für wichtige Anlässe geliehen bekam, war der Falkenfedermantel der Göttin Freya, der mir die notwendigen Reisen ermöglichte, um das Überleben zu sichern.

Viel Zeit ist verstrichen, nahezu sieben Jahre, fast alle Federn sind unterdessen wieder eingetroffen und berichten von ihren Abenteuern und Erkenntnissen, die sie an ihren Bestimmungsorten – Bauernhöfen, Seenlandschaften, fernen Planeten, dem Reich der Ahnen, der Unterwelt, Gärten weiser Frauen, dem sicheren Ort – gesammelt und gewonnen haben.

Und nun ist es soweit: ich beginne meinen eigenen vielfarbigen Federmantel zu wirken um wieder zu fliegen und zu reisen. Ich nehme rote Federn wie vom Stieglitz. Orangene wie vom Rotkehlchen. Gelbe wie von der Goldammer. Grüne wie vom Grünfink. Türkise wie vom Eichelhäher. Dunkelblaue wie von der Mandarinente. Violette wie vom Star.

Weiße wie vom Schwan.

Zum Schluss spüre ich in meinen hinter dem Rücken gefalteten Händen eine letzte Feder. Es ist fast so, als hätte der namenlose Engel sie mir gegeben, ich hole sie in der rechten Hand haltend hervor und schaue sie an. Sie ist golden und steht für meine Gabe.

Nun bin ich in der Verantwortung, zu Schreiben und zu Zeichnen.

CHi – 23.06.2025

Abb.: miulgajera@unsplash, modifiziert

Die Mondharfe

Die Frau schlug die Augen auf und war sofort im Moment und wach. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster: die kühle Helligkeit der Nacht hatte ihr schon angezeigt, daß der Mond schien. Und tatsächlich – ein durch den Dunst hauchzarter silbriger Wolken leicht vernebelter Halbmond stand hoch am Himmel. Dies war bereits das dritte mal in zwei Wochen, daß der Mond sie wachrief, sie magisch anzog.

Sie wusste genau, daß jetzt, zu dieser Mondphase des Halbmonds, die richtige Zeit gekommen war, um sich auf einen Platz unterhalb der Zwilling-Dachfensters auf den Boden zu legen, wo sie sich in einer embryonalen Stellung zusammenzog. Die silbernen Strahlen des Mondes erreichten ihre, zu ihm passende, halbkreisförmige Shilouette und umspielte ihren Körper mit silbernen Fäden aus Licht.

Die Frau fühlte sich geborgen und von fast unhörbaren, eher spürbaren Tönen einer Harfe umschmeichelt und getröstet. Zugleich fand Heilung und Klärung statt – die Frau war jetzt bereit, einen großen Teil ihrer Trauer in den kommenden zwei Wochen bis zum anstehenden Neumond abzugeben, ganz im Vertrauen darauf, daß mit dem Neumond auch etwas Neues in ihr Leben kommen würde.

So schlief sie ruhig, tiefe Atemzüge nehmend, wieder ein.

Abb.: © Johannes Fraundorfer

– CHi, Februar 2023 –

Worte wie Knochen

Worte wie Glocken – wecken mich auf und beleben mich. Worte wie Injektionen – lassen mein Blut rauschen und pulsieren. Worte wie Rosen – duften verführerisch, lassen mich verweilen und inhalieren. Worte wie Kometen – ziehen zielstrebig ihre Bahn und nehmen mich mit auf ihre leuchtende Reise in andere Räume. 

Worte wie Knochen – ich umkreise sie, witterte, ängstlich. Sie ziehen mich an, ich kann ihnen nicht widerstehen. Vorsichtig nehme ich von ihrem Fleisch in kleinen Häppchen, manchmal. Ungeduldig, hungrig reisse ich große Brocken heraus, öfters.

Die Knochenworte nähren mich, nachdem ich sie zu mir genommen habe, lasse ich sie ruhen, ich verstoffwechsele sie.

Zur richtigen Zeit, es kann nach Jahren, Wochen, Tagen oder Stunden passieren, drängen sie, immer stärker werdend, von unten herauf, aufwärts, immer höher, sich untereinander verkettend erblicken sie das Licht der gegenwärtigen Welt.

– CHi, 25.07.2025 –

… und mache alles neu.

Ich finde den Fels am Strand,
auch den Vertrauten – sitzend, schauend.

Kniend bette ich mein Haupt,
Tränen und Ozean werden eins.

Die Hand, die segnet,
der Blick, der bindet.

Ich bin im Brennpunkt der ewigen Liebe,
verbrenne zu Asche.

Der Funke bleibt,
ich werde neu geboren.

– CHi, 29.12.2025 –