Die Mondharfe

Die Frau schlug die Augen auf und war sofort im Moment und wach. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster: die kühle Helligkeit der Nacht hatte ihr schon angezeigt, daß der Mond schien. Und tatsächlich – ein durch den Dunst hauchzarter silbriger Wolken leicht vernebelter Halbmond stand hoch am Himmel. Dies war bereits das dritte mal in zwei Wochen, daß der Mond sie wachrief, sie magisch anzog.

Sie wusste genau, daß jetzt, zu dieser Mondphase des Halbmonds, die richtige Zeit gekommen war, um sich auf einen Platz unterhalb der Zwilling-Dachfensters auf den Boden zu legen, wo sie sich in einer embryonalen Stellung zusammenzog. Die silbernen Strahlen des Mondes erreichten ihre, zu ihm passende, halbkreisförmige Shilouette und umspielte ihren Körper mit silbernen Fäden aus Licht.

Die Frau fühlte sich geborgen und von fast unhörbaren, eher spürbaren Tönen einer Harfe umschmeichelt und getröstet. Zugleich fand Heilung und Klärung statt – die Frau war jetzt bereit, einen großen Teil ihrer Trauer in den kommenden zwei Wochen bis zum anstehenden Neumond abzugeben, ganz im Vertrauen darauf, daß mit dem Neumond auch etwas Neues in ihr Leben kommen würde.

So schlief sie ruhig, tiefe Atemzüge nehmend, wieder ein.

Abb.: © Johannes Fraundorfer

– CHi, Februar 2023 –