Langsam ließ sie sich von den sanften Wellen des Ozeans auf und ab wiegen, sie wurde ruhig. Zuvor hatte sie sich lange Zeit wie ein Stück Holz – rissig und trocken – gefühlt, das Treiben im Ozean hatte viel zu ihrer Veränderung und Heilung beigetragen. Da waren unendlich hohe Wogen des Schmerzes und der Trauer gewesen, aber sie hatte sich standhaft oben auf dem Wellenkamm gehalten und behauptet. Einem Wunder gleich war sie nach dieser Anstrengung in ruhigere Gewässer getrieben worden und hatte einen Platz an den Wurzeln eines übermächtig großen Baumes am Strand gefunden.
Es war nicht mehr wichtig zu fragen, was für ein Baum es war, deutlich wusste sie: es handelte sich um den Lebensbaum, den Weltenbaum. Hier war sie sicher, durfte sich ausruhen und Kraft tanken, solange sie wollte. Sie konnte einen weiteren Baum in ihren Blick nehmen, den Baum der Erkenntnis vielleicht? Dann wurde ihr plötzlich klar, daß sie immer an diesen heiligen Ort zurückkehren konnte, Dankbarkeit erfüllte sie.
So war sie in den Ozean zurückgekehrt, mit der Gewissheit, auch die nächsten Wellen, alle Wellen, seien es die von Trauer und Schmerz, oder die von Freude und Glückseligkeit, annehmen und wieder loslassen zu können.
Ein Teil des Wissens der Großmütter hatte in ihr seinen Platz gefunden: Alles war da – das Wasser um sie herum und in ihr, die Luft über ihr und in ihr, die Erde unter ihr und in ihr, das Feuer in ihrem Herzen.*
CHi – 03.08.2022

* Gelesen in und inspiriert von: „Die Lehren der Großmütter“
von Sharon McErlane

