Meine Seele hat sich erschrocken – so wie ein Vogelschwarm durch lautes Händeklatschen aufgestört wird und sich verflüchtigt – haben sich aufgeregte, ängstliche, verwirrte Bruchteile meines Wesens wie vom Wind getriebene Federn in alle Himmelsrichtungen verteilt. Sie suchten sich ihre Ziele, manche lagen tief unten im Ozean manche weit oben im Kosmos und viele an anderen Plätzen. Meine Aufgabe war es, mich in Geduld zu üben, zu warten, bis jede einzelne Feder zu mir zurückgefunden hat. Dann erst werde ich ihre Farben sehen und erfahren, welche Geschichten sie mitbringen.
Wie ein Vogel in der Schwingenmauser halte ich mich nah am Boden auf, ohne ganzheitlichen Schutz und fluchtbereit. Ein Geschenk, das ich für die Überbrückungszeit für wichtige Anlässe geliehen bekam, war der Falkenfedermantel der Göttin Freya, der mir die notwendigen Reisen ermöglichte, um das Überleben zu sichern.
Viel Zeit ist verstrichen, nahezu sieben Jahre, fast alle Federn sind unterdessen wieder eingetroffen und berichten von ihren Abenteuern und Erkenntnissen, die sie an ihren Bestimmungsorten – Bauernhöfen, Seenlandschaften, fernen Planeten, dem Reich der Ahnen, der Unterwelt, Gärten weiser Frauen, dem sicheren Ort – gesammelt und gewonnen haben.
Und nun ist es soweit: ich beginne meinen eigenen vielfarbigen Federmantel zu wirken um wieder zu fliegen und zu reisen. Ich nehme rote Federn wie vom Stieglitz. Orangene wie vom Rotkehlchen. Gelbe wie von der Goldammer. Grüne wie vom Grünfink. Türkise wie vom Eichelhäher. Dunkelblaue wie von der Mandarinente. Violette wie vom Star.
Weiße wie vom Schwan.
Zum Schluss spüre ich in meinen hinter dem Rücken gefalteten Händen eine letzte Feder. Es ist fast so, als hätte der namenlose Engel sie mir gegeben, ich hole sie in der rechten Hand haltend hervor und schaue sie an. Sie ist golden und steht für meine Gabe.
Nun bin ich in der Verantwortung, zu Schreiben und zu Zeichnen.
CHi – 23.06.2025


